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Die neohumboldtianische Universität - ein Modell der Universität des 21. Jahrhunderts

Tuesday, April 30 2013 4:04 pm / Antti Hautamäki

Die Zukunft der Universitäten wird zu einem Kernpunkt im globalen Wettbewerb. Universitäten waren und sind die Hauptquelle neuer Technologien von der Elektrizität bis zur Kernkraft und von der Informationstechnologie zu Biotech. Universitäten sind auch eine Geburtsstätte vieler Innovationen und Firmenneugründungen (Kaku 2012). Es ist belegt, dass die Bedeutung der Universitäten für das wirtschaftliche Wachstum bemerkenswert ist (Helpman 2004). Elizabeth Berman (2012) argumentiert, dass diese Entwicklung dazu geführt hat, dass Universitäten als „ökonomische Maschinen” begriffen werden.

Unter dem Gesichtspunkt des globalen Wettbewerbs erscheint es verlockend, das Modell der Universität als ökonomische Maschine zu akzeptieren. Es impliziert die Auffassung, dass Universitäten florieren, wenn man sie dazu bringt, diese Art ökonomischer Identität anzunehmen. Aber diese Auffassung ist in gefährlicher Weise falsch!

Die Logik des Marktes hat begonnen, die Logik der Wissenschaft zu dominieren

Dieses Konzept geht im Hinblick auf die Universitätsentwicklung von der Dominanz der Marktlogik aus, einer Ansammlung von Prinzipien, die Universitäten dahin lenken sollen, den ökonomischen Wert von Forschung und Lehre zu maximieren und den Schwerpunkt auf ihre Bedeutung für das ökonomische Wachstum zu legen.

Das Problematische an dieser Position ist der Widerspruch zwischen Marktlogik und Wissenschaftslogik. Wissenschaftslogik ist eine Sammlung von Grundsätzen, die Universitäten ermutigen, sich gemäß der „traditionellen“ Prinzipien des Forscherdrangs, der Freiheit der Forschung und inneren Zielsetzungen zu verhalten. Wissenschaftslogik zielt auf die maximalen Gewinnung von Wissensresultaten und das durch sie bewirkte Wohl der Gesellschaft. Marktlogik dagegen zielt auf kurzfristig messbare Resultate. Das Paradoxe an der Marktlogik besteht darin, dass sie die Basis der ökonomischen Bedeutung der Wissenschaft, nach der sie strebt, zerstört, denn diese Bedeutung ist das Resultat lang anhaltender vorhergehender Forschung.

Berman zeigt in ihrem Buch „Creating the Market University” auf, wie das Konzept der Universität als ökonomischer Maschine in den USA in den 1970er Jahren aufkam und sukzessive an Bedeutung gewann mit dem Durchbruch der Biotechnologie (d.h. der DNA-Rekombinationstechnik), der Patentgesetzgebung (Bay-Dole Act) und dem Aufbau von universitär-industriellen Forschungseinrichtungen (s.a. Geiger 2004). Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich in allen Industrieländern, einschließlich Finnlands, basierend auf den Vorschlägen der OECD (Niinikoski 2011).

Die Entwicklung hin zur Marktlogik war komplex. Tatsächlich ist die Wissenschaftslogik unter den Wissenschaftlern und der Mehrheit der Fakultäten noch immer stark vertreten: Die Forscher folgen ihr trotz Universitätsleitungen und Regierungen, die auf die Notwendigkeit pochen, der „Gesellschaft zu dienen“ und Innovationen zu produzieren. Wenn jedoch das „Geld spricht“, überrollt die Marktlogik die Wissenschaftslogik. Das Resultat kann man an der wachsenden Zahl an innovationsorientierten Forschungsprogrammen sehen, die von Regierungen und Konzernen gefördert werden (d.h. im Bereich der Bio-, Nano- und Energie-Technologien). In allen Wissenschaftsdisziplinen ist es sehr viel schwerer, Mittel für Grundlagenforschung zu bekommen.

 

Die neohumboldtianische Universität als Alternative zur Universität
als Wirtschaftsunternehmen

Das Universitätssystem dahingehend zu entwickeln, dass die Grundlagenforschung aufgewertet wird, erfordert ein wohlbegründetes Konzept für Wissenschaft und Universitäten. In dem jüngst erschienen Buch von Pirjo Ståhle und mir selber haben wir die Idee einer neohumboldtianischen Universität vorgeschlagen. Sie beruht auf den Prinzipien der „Humbolt‘schen“ Universität, die in Berlin 1810 eröffnet und später nach ihrem Spiritus rector benannt wurde. Die Prinzipien beinhalten:

 

  1. Akademische Freiheit und Autonomie der Universitäten
  2. Das Streben nach Wissen als Grundlage für Kultur, Zivilisation und Bildung
  3. Die Einheit von Forschung und Lehre

 

 

 

Das deutsche Wort „Bildung“ ist schwer ins Englische zu übersetzen, aber es bezieht sich auf die Erziehung von Menschen im Sinne von Humanismus, Werten und sozialer Verantwortung. Der Slogan „Bildung durch Wissenschaft“ drückt den Anspruch aus, dass Wissenschaft die junge Generation dazu heranbildet, die Welt und die eigenen Aufgaben gleichermaßen zu verstehen. Ein bemerkenswerter Gedanke ist, dass in der Humboldt’schen Universität alle Wissenschaften für die Menschenbildung gleich wichtig sind: Ein leitender Grundsatz der Universität war die Integration von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, wie von Wilhelm von Humboldt vorgeschlagen (http://www.hu-berlin.de).

Was bedeutet nun aber das „neo” im Begriff der neohumboldtianischen Universität? Die traditionelle Humboldt‘sche Universität hatte ihren Fokus auf die Suche nach Wahrheit gerichtet, ohne gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten und Herausforderungen größere Aufmerksamkeit zu widmen. Natürlich wurden gesellschaftliche Bedürfnisse anerkannt, die inneren wissenschaftlichen Probleme waren aber das Hauptanliegen der Forschung. Was ist die Alternative für eine Universität, die Extreme von reiner Wahrheitssuche und der Suche nach Innovationen zugunsten der Wirtschaft vermeiden will? Unser Vorschlag ist, sich als Universität der Lösungssuche für schwierige Probleme zu verschreiben. Mit „schwierigen Problemen“ sind die großen Herausforderungen der Gegenwart gemeint, wie Klimawandel, Gesundheits- und Ernährungsfragen, Bildung, Urbanisierung, soziale Polarisierung und Sicherheit.

In der neohumboldtianischen Universtität bilden Lehre, Forschung und die Lösung aktueller brennender Probleme eine kohärente Einheit in Form einer drei- fachen Aufgabe. Das setzt viele Veränderungen in den Universtitätspraktiken voraus (s.a. Gibbons & al. 1996, Geiger 2004, Nielsen 2012):

 

  • Mehr interdisziplinäre Forschung
  • Mehr wissenschaftliche Offenheit und 
Transparenz
  • Enge Zusammenarbeit mit verschiedenen 
Akteuren außerhalb der Universitäten

 

 

Nächster Schritt in Richtung neohumboldtianische Universität

Das Konzept der neohumboldtianischen Universität passt zu allen Fachrichtungen und Fakultäten. Das zusätzliche Streben nach Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit ist eine natürliche Aufgabe der Hochschule, weil Wissenschaftler sich mit der Zukunft der Menschheit befassen und sich der planetarischen Probleme oft bewusst und gut darüber informiert sind. Die neohumboldtianische Universität bietet herausragende Möglichkeiten der Integration von Grundlagenforschung und sozialer Verantwortung. 
Der schwierigste Teil der Universitätsreform dieses Jahrhunderts ist die Finanzierungspolitik. Die derzeitigen Finanzierungsgrundlagen beruhen entweder auf Exzellenz in einem bestimmten Fachgebiet oder auf Nützlichkeit im Sinne von technischen Innovationen. Exzellenz verlangt kontinuierliches Publizieren von Artikeln in bedeutenden Zeitschriften. Die Konzentration auf Publikationen engt die Freiheit der Forschung auf wenige wissenschaftliche Interessen ein und schwächt die Motivation zur interdisziplinären Zusammenarbeit. Auf der anderen Seite wird Nützlichkeit an Patenten, Lizenzen oder an möglichen Vorteilen für die Industrie gemessen. Das wirkt sich zwar positiv auf das ökonomische

Wachstum aus, bindet aber Talente und andere Ressourcen für Projekte, die nicht in vollem Sinne der Wissenschaftsentwicklung oder der Lösung gravierender Probleme dienen.

Ich sage nicht, dass die Bedürfnisse der Industrie für Universitäten irrelevant sind. Aber die richtige Art darauf einzugehen, liegt nicht in der Konzentration auf anwendungsorientierte und oft kurzfristig angelegte Forschung. Der richtige Weg bestünde darin, starke wissenschaftliche Forschungen zur Lösung gravierender Probleme zu betreiben. Problemlösung ist ein „co-kreativer“ Prozess, in dem Forscher, öffentliche Organisationen, NGOs und Firmen unter Wahrung ihrer eigenen Profile und Interessen zusammenarbeiten. Universitäten stellen dabei ihr profundes Sachwissen zur Verfügung, während Industrie und Unternehmen ihre gewaltige Erfahrung einbringen, wie Erfindungen umgesetzt werden und technologisch praktikabel sowie ökonomisch überlebensfähig gemacht werden können.

Damit eine Universität des 21. Jahrhunderts im genannten Sinne entwickelt werden kann, muss Wissenschaftspolitik ausgebaut werden zu einem autonomen Bereich in der Politik, der weder der Innovations- bzw. Wirtschaftspolitik, noch der Bildungspolitik unterstellt sein darf. Ein Kernanliegen der Wissenschaftspolitik muss eine neue Finanzierungsform sein, die auf der Ermutigung interdisziplinärer Studien und der Zusammenarbeit bei der Lösung gravierender Probleme beruht.

Ich danke Ph.D Kaisa Oksanen (Agora Center) für viele Diskussion über das Thema und für nützliche Kommentare zu Buch und Blog. Ich danke der finnischen Akademie für die finanzielle Unterstützung beim Verfassen des Buches.

Anmerkungen

Hautamäki A. & Ståhle P. (2012): Ristiriitainen tiedepolitiikkamme, Suuntana innovaatiot vai sivistys? [The contradictory science policy. Towards innovation or civilization?]. Helsinki: Gaudeamus. Das Buch enthält außerdem Beiträge von Ilkka Arminen, Riitta Hari, Sanna Lauslahti, Tarmo Lemola, Markku Mattila, Arto Mustajoki, Kaisa Oksannen and Saara Taalas.

Berman E.P. (2012). Creating the Market University, How Academic Science Became an Economic Engine. Princeton and Oxford: Princeton University Press.

Geiger R. L. (2004). Knowledge and Money, Research Universities and the Paradox of the Marketplace. Stanford: Stanford University Press.

Gibbons M. & al. (1996). The New Production of Knowledge: The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. Sage.

Helpman E. (2004). The Mystery of Economic Growth. Cambridge: Belknap Press of Harvard University Press.

Kaku M. (2012). Physics of the Future. How science will shape human destinity and our daily lives by the year 2100. New York; Anchor Books.

Nielsen M. (2012). Reinventing Discovery, The New Era of Networked Science. Princeton and Oxford: Princeton University Press.

Niinikoski M-L. (2011). Innovation: Formation of a Policy Field and a Policy-making Practice. Aalto Yliopisto-Doctoral Dissertations 40/2011.

Thorp H. & Goldstein B. (2010). Engines of Innovation, The Entrepreneurial University in the Twenty- First Century. Chappel Hill: The University of North Carolina Press.

 

Übersetzung aus dem Englischen: C. Strawe. (c)

http://www.hu-berlin.de

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Zuerst veröffentlicht unter http://www.kestavainnovaatio.fi/blog_en.php?id=20&title=Neo- Humboldtian+university+-+a+model+of+21st+ century+university

 

This article is published in Sozialimpulse, Nr 1. März 2013, p. 19-21. Translated by Christoph Strawe.

 

 

comments: antti@sustainableinnovation.fi

 

 

 

 


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